
Den Tipp, nach Warschau zu fahren, habe ich von meiner Tochter bekommen. Sie ist beruflich öfter dort und kennt mich gut: Ich bin immer auf der Suche nach Neuem, nach Trends, nach Dingen, die sonst keiner hat. Meine Schwester sagt das schon seit Jahren über mich: „Das hat doch sonst keiner.“ Genau danach bin ich auch im Reisen unterwegs. Also: Koffer gepackt, zu dritt im Juni 2026 in die polnische Hauptstadt.
Was wir vorfanden, hat uns alle drei umgehauen: Eine Stadt, die in den letzten Jahren still und leise zu einer der spannendsten Metropolen Europas geworden ist. Modern und geschichtsträchtig zugleich. Junge Cafés, richtig gute Restaurants, freundliche Menschen. Jeder spricht Englisch. Und es ist im Vergleich zu Hamburg oder München noch erstaunlich bezahlbar.
Wenn ich Warschau in einem Satz beschreiben sollte: Der unterschätzte Hipster-Geheimtipp Europas. Was Reisemagazine gerade über die Stadt schreiben, das stimmt. Wir kommen wieder.
Tag 1: Industriechic und ein Sonnenuntergang über dem Kulturpalast
Angekommen, eingecheckt im NYX Hotel by Leonardo in der Innenstadt, und gleich raus. Erstes Ziel: Elektrownia Powiśle, ein altes Kraftwerk direkt am Weichselufer, das heute eine der schönsten Markthallen Europas ist. Industriechick im besten Sinne. Drinnen eine Food Hall mit Neon-Licht, drumherum Boutiquen, Beauty-Hall, ein riesiger Biedronka-Supermarkt im Untergeschoss. Berliner Markthallen-Atmosphäre, aber polierter.



Danach hoch zum Garten der Universitätsbibliothek BUW. Das ist einer dieser Orte, die kein Reiseführer richtig in Szene setzt: Ein begehbares grünes Dach mit Wasserkaskaden, Glasflächen durch die man in die Bibliothek hineinschauen kann, und ein Panorama-Punkt mit Blick auf die Skyline und die Weichsel. Wir waren am späten Nachmittag oben, das Licht war goldgelb.
Abends Rooftop-Bar im NYX. Sundowner über der Stadt, Kulturpalast in der Mitte, dieses verrückte stalinistische Hochhaus von 1955, das polnische Architekten heute eher hassen aber die Touristen lieben. Es funktioniert als Bezugspunkt: Egal wo du in Warschau stehst, du siehst ihn.

Tag 2: Königsschloss, Wunsch-Glocke und ein Highline im Wolkenkratzer
Frühstück im Hotel, dann zu Fuß rüber in die Altstadt Stare Miasto. Was viele nicht wissen: Die gesamte Altstadt wurde nach dem Krieg von Grund auf wieder aufgebaut, Stein für Stein, nach alten Plänen und Gemälden von Canaletto. UNESCO-Welterbe seit 1980. Wenn man hinschaut, sieht man dass die Fassaden zu makellos sind, zu frisch, aber das macht den eigenwilligen Charme der polnischen Altstadt-Rekonstruktion aus.


Über die Krakowskie Przedmieście, die alte Königsroute, hoch zum Plac Zamkowy. Eine kurze Espressopause mit Blick aufs Königsschloss und dann weiter in die kleinen Gassen.

An diesem Tag haben wir die Wunsch-Glocke auf Plac Kanonia gefunden. Ein wunderschöner kleiner Platz hinter der Kathedrale, in der Mitte eine massive Bronzeglocke. Die Polen sagen: Dreimal drumherum laufen, beide Hände drauflegen, einen Wunsch denken. Er geht in Erfüllung. Wir haben alle drei mitgemacht. Mal sehen.

Mittags Lunch im U Kucharzy w Arsenale. Das Restaurant liegt im historischen Arsenal-Gebäude am Plac Krasińskich, direkt neben dem Denkmal des Warschauer Aufstands. Eine Empfehlung, die sich gelohnt hat. Die Aquarell-Speisekarte ist handgemalt, die offene Show-Küche steht mitten im Raum, dunkelgrüne Tischdecken auf weißen Backsteinwänden. Klassisch polnisch-französische Linie. Wir hatten Bœuf Stroganov und Crêpes Suzette, beides nach altem Rezept.


Highline Warsaw im Varso Tower: 53 Etagen, Mai Tai und der Boden aus Glas
Abends das ungeplante Highlight des Tages: der Varso Tower. Das ist mit 310 Metern das höchste Gebäude der Europäischen Union, fertiggestellt 2022, am westlichen Stadtrand neben dem Hauptbahnhof. Oben in den letzten Etagen ist die Highline Warsaw-Erlebnistour eingezogen, mit der man auf die obersten Stockwerke kommt. Vorne im Lobby-Bereich ein blauer Aufsteller mit dem Wortspiel HIGH LOVE WARSAW, dahinter geht es zum Aufzug.


Erste Station: 49. Stock. Dort öffnen sich die Türen in einen Raum, der komplett mit verspiegelten Wänden ausgekleidet ist. Dazwischen bodentiefe Fenster, durch die man auf das ganze Warschau hinunterschaut. Die Spiegelungen vervielfachen die Stadt, man verliert für einen Moment die Orientierung. Wer Höhe nicht mag, sollte sich vorher festhalten.

Dann weiter in die 53. Etage. Aussicht zur Goldenen Stunde, in alle vier Himmelsrichtungen. Den Kulturpalast, den wir am Vortag noch von der NYX-Rooftop-Bar als hohen Bezugspunkt gesehen hatten, sahen wir nun von oben. Sieht aus wie eine Postkarte aus den fünfziger Jahren, mit dem grünen Dachgarten der modernen Bürohäuser drumherum.

Krönender Abschluss: die High Garden Bar in derselben Etage. Pflanzen unter der Decke, mintgrüne Sessel, der gesamte Außenring ist Fensterfront, an der Bartheke serviert man einen guten Mai Tai. Als wir tranken, ging die Sonne unter und das Lichtermeer der Stadt klappte langsam auf. Man sitzt im 53. Stock am Glas und sieht Warschau wie in einer Modellbau-Welt blinken.

Ein letztes Detail, das in jedem polnischen Reiseblog auftaucht: die berühmten Toiletten der Bar. Der Boden in den Kabinen ist Glas, man schaut hinunter durch ein Lichtschacht-Konstrukt fünfzig Stockwerke in die Tiefe. Ein bisschen Mut beim Hinsetzen, ein Foto und der Adrenalin-Moment, den man so noch nie gehabt hat. Wer also nicht an Höhe gewöhnt ist: Vorher ein Schluck Mai Tai zur Beruhigung.
Tag 3: POLIN Museum, BAGL Café und ein polnisches Dinner am Wasser
Diesen Tag haben wir bewusst ruhiger gelegt. Ein einziges großes Programm am Vormittag: das POLIN Museum der Geschichte der polnischen Juden an der ulica Mordechaja Anielewicza im ehemaligen Ghettoviertel Muranów. Wir hatten drei Stunden eingeplant, daraus wurden über vier. Die Architektur des finnischen Büros Lahdelma & Mahlamäki ist allein schon Substanz: Eine geschwungene Foamtec-Schlucht durch den Innenhof, die wie ein Riss in der Erde wirkt.

Die Ausstellung führt durch tausend Jahre jüdisches Leben in Polen, von den ersten Händlern im Mittelalter bis in die Gegenwart. Galerie 7 mit der nachgebauten Vorkriegs-Straße, Galerie 8 mit dem minimalistischen weißen Korridor zum Holocaust, am Ende eine Deckeninstallation aus hängenden Papier-Fragmenten auf einem Spiegelboden. Das ist kein normaler Museumsbesuch. Plant Zeit ein, plant Energie ein, plant eine Pause danach.

Unsere Pause war das BAGL Café ein paar Straßen weiter. Kleines Specialty-Coffee-Konzept mit open-faced Bagels, Cappuccino mit Latte-Art, Streuselkuchen mit Sauerkirschen auf altem Vintage-Porzellan mit aufgemalten Rosen. Die Beilage-Karte des Kompot Truskawkowy ist im Risograph-Druck in Weinrot, sehr durchdacht gestaltet. Sowas würde in Hamburg-Eppendorf sofort Schlange machen, hier waren wir an einem Samstagnachmittag spontan rein.

Abends das Highlight des Tages: Trad theEATERY in Powiśle direkt am Weichselufer. Das ist eines der gerade meistdiskutierten polnischen Restaurants. Forbes Polen hat es 2024 und 2026 unter die Top 50 Restaurants des Landes gewählt, der neue Gault & Millau Yellow Guide Polen hat es 2026 ausgezeichnet. Die Linie ist Authentische polnische Küche in moderner Präsentation. Pyzy, Knedliki mit Pfifferlingen, Pierogi ruskie mit Minze, Erdbeer-Pierogi als Dessert. Dazu eine polnische Craft-Bier-Karte, die ich so noch nicht gesehen hatte.



Tag 4: Wilanów-Park, eine Charity-Auktion und das Mittagessen im Verte
Der letzte Tag, leichter Regen, dafür wenig Touristen. Wir sind raus nach Wilanów, dem barocken Sommerpalast von König Jan III. Sobieski aus dem späten 17. Jahrhundert. Wird oft als das polnische Versailles bezeichnet, und der Vergleich passt: Gelbe Fassade, lange Achsen, Wasserspiele, drumherum ein weitläufiger Park.

Im Palast selbst läuft gerade eine Restaurierungs-Etappe. In einem der Säle stand eine junge Restauratorin im senfgelben Leinenkleid auf einem Gerüst und arbeitete mit feinstem Pinsel an einem Trompe-l’œil-Fresko an der Decke. Wir konnten ihr lange zuschauen. So etwas sieht man selten live: Eine echte Hand, die einen barocken Illusionsmaler von vor dreihundert Jahren zentimeterweise wieder sichtbar macht.
Hinaus in den Park, an die Orangerie. Ein klassizistischer Lang-Bau mit Palmenkübeln, Bänken und tief grünem Garten davor, gebaut Anfang des 19. Jahrhunderts, ursprünglich um die Zitruspflanzen des Palasts zu überwintern. Heute Ausstellungsfläche.

Innen drin haben wir per Zufall die TOP CHARITY Art 2026 entdeckt, eine Ausstellung mit zeitgenössischer internationaler Kunst, die im Anschluss zugunsten polnischer Wohltätigkeitsprojekte versteigert wurde. Veranstalter sind die OmenaArt Foundation und die Rafał Brzoska Foundation, der polnische Unternehmer hinter InPost. Die Werke standen mit roten Punkten daneben, wenn sie schon verkauft waren.

Die blaue Welle hier oben, Out with Lanterns von der britischen Bildhauerin Charlotte Colbert, ging für dreihunderttausend Euro weg. Pop-Art-Blumen von Philip Colbert für zweihundertzwanzigtausend. Eine Stoff-Collage des ghanaischen Künstlers Cornelius Annor für sechsundzwanzigtausend. Das alles in der Orangerie eines polnischen Barockpalasts, an einem ruhigen Vormittag.

Und dann stand mitten in der Orangerie ein Whaletone Klavier. Ein voll funktionsfähiges Designer-Klavier in Walfischform, polnische Marke aus Krakau, hybride Mechanik aus klassischer Hammertaste und Digital-Modul, über tausend Klänge, handgefertigt, individuell konfigurierbar. So etwas hatte ich noch nie gesehen.


Mittags zurück in die Stadt zum KUK im Hotel Verte. Das Verte ist ein Boutique-Hotel im historischen Palais am Krakowskie Przedmieście, das KUK ist deren Hausrestaurant. Eine Tasche-Empfehlung der absoluten Oberklasse. Wir hatten Brot mit Sonnenblumenkernen und Avocado-Aufstrich vorab, danach Reh-Filet rosé mit Rotweinsauce und Apfelmus, plus ein Ribeye-Steak mit Pommes und Hollandaise. Die Lobby-Bar ist eine Halbkuppel-Konstruktion mit Messingstreben über Schachbrett-Marmorboden, dazwischen Palmen, die so groß sind dass man sich nicht mehr im 21. Jahrhundert wähnt.



Drei Restaurant-Tipps zum Merken
U Kucharzy w Arsenale, Plac Krasińskich 5. Klassische polnisch-französische Linie, offene Show-Küche, handgemalte Aquarell-Speisekarte. Bœuf Stroganov und Crêpes Suzette bestellen. Mittags und abends. Tisch reservieren.
Trad theEATERY, Wybrzeże Kościuszkowskie 31/33 in Powiśle am Weichselufer. Authentische polnische Küche in moderner Präsentation, Forbes Top 50, Gault & Millau 2026. Pierogi, Pyzy, polnische Craft-Biere. Abends.
KUK im Hotel Verte, Krakowskie Przedmieście 16. Wenn man sich einmal etwas gönnen will: Reh und Ribeye, danach einen Drink in der Halbkuppel-Bar. Mittags und abends.
Café-Pause zwischendurch im BAGL in Muranów, in der Nähe vom POLIN. Specialty-Coffee, open-faced Bagels, Cappuccino mit Latte-Art auf Vintage-Porzellan. Für mich der schönste Kaffeestopp der ganzen Reise.
Und ein Bar-Tipp dazu: High Garden Bar im Varso Tower, 53. Etage. Mai Tai, Pflanzendach, Glasboden in den Toiletten, Lichtermeer-Blick. Reservierung über die Highline-Warsaw-Website empfohlen.
Was uns überrascht hat
Die Freundlichkeit ist real. Jeder, mit dem wir gesprochen haben, von der jungen Frau im Café bis zum Taxifahrer, hat sofort auf Englisch gewechselt und uns mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit geholfen, die in westeuropäischen Hauptstädten selten geworden ist.
Die Preise sind noch zugänglich. Ein Mittagessen im U Kucharzy mit zwei Gängen und Getränk: deutlich unter einem vergleichbaren Lunch in Hamburg. Ein Cappuccino im Specialty-Café: vier Euro statt fünfeinhalb. Selbst das KUK im Verte, eines der besseren Häuser der Stadt, fühlt sich nicht teuer an.
Die Stadt vibriert. Junge polnische Designer, junge Köche, junge Galeristen. Modern und geschichtsträchtig zugleich. Eine echte Hipster-Hauptstadt, die in Deutschland gerade erst entdeckt wird. Wenn ihr noch nie in Warschau wart: Jetzt fahren, bevor alle anderen kommen.
Mitschnitte aus Warschau
Herzlich, aus Hamburg


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