Manche Freundschaften fangen an der Kasse an. Diese hier fing mit einem schwarzen Scooter an, mit Roségold und mit einer Frage, die ich erst beim Bezahlen gestellt habe.
Die Frau mit dem schwarzen Scooter
Es war während Corona. Vor meinem damaligen Geschäft hielt eine Frau auf einem schwarzen Scooter, kam herein und wusste sehr genau, was sie wollte: etwas in Roségold. Nicht irgendetwas, es musste Roségold sein. Wir haben gesucht, sie hat sich entschieden, und erst beim Bezahlen habe ich sie gefragt, was sie eigentlich beruflich macht. Sie sagte, sie habe ein chinesisches Restaurant.
Das traf bei mir auf offene Ohren. Chris und ich hatten gerade unser chinesisches Familienrestaurant verloren, das Happy Garden in Winterhude, das zugemacht hatte, und suchten seitdem ohne Erfolg nach Ersatz. Wir sind also schon am nächsten Tag hingefahren, in die Langenhorner Chaussee 131. An diesem Haus war ich vorher schon öfter vorbeigefahren. Hineingegangen wäre ich von allein wahrscheinlich nicht.

Michelle hatte sich meinen Namen gemerkt. Sie begrüßte mich damit, als wären wir schon lange verabredet. Das hat mich in dem Moment so beeindruckt, dass ich es immer noch erzähle. Wer einmal an einer Kasse gestanden hat, weiß, wie selten das ist.
Michelle ist die Seele des Wong

Im Umgang mit Gästen ist Michelle eine Granate. Sie merkt sich Menschen, sie merkt sich Vorlieben, sie weiß, wer keinen Koriander mag und wer beim letzten Mal das Sesam-Eis bestellt hat. Sie geht auf Wünsche ein, sie empfiehlt, und sie überrascht gern. Auf guten Service achtet sie sehr, das merkt man an jedem Tisch, auch an denen, an denen sie gerade nicht steht.
Das Wong führt sie gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Trong. Für meine Geschichte bleibt Michelle die zentrale Person, weil sie diejenige ist, über die ich das Haus kennengelernt habe und über die ich es bis heute erlebe.
Zwei Karten, und ich nehme die chinesische
Im Wong gibt es zwei Speisekarten: eine deutsche und eine chinesische. Ich lasse mir von Michelle gern etwas von der chinesischen Seite empfehlen. Gerade darüber habe ich Dinge kennengelernt, die ich selbst vermutlich nie bestellt hätte. Was mir schon beim ersten Kennenlernen positiv aufgefallen ist: Dort essen regelmäßig chinesische Gäste. Für mich war das von Anfang an ein gutes Zeichen.

Was man auf dem Teller sieht
Es gibt eine Sache, die man im Wong immer wieder sieht: Handarbeit. Gemüse wird fein geschnitten und geformt, Dim Sum kommen in unterschiedlichen Farben auf den Tisch und selbst kleine Vorspeisen werden sehr bewusst arrangiert.


Der Thunfisch kommt im Rauch
Viel wichtiger ist mir aber etwas anderes: Bei Michelle passiert am Tisch etwas. Das Thunfisch-Sashimi ist davon das stärkste Beispiel. Es kommt auf einer Glasplatte über Trockeneis, geschichtet mit Gurke und Mango, obendrauf ein Zweig mit einem kleinen Vogel. Am Tisch wird Wasser dazugegossen, und im selben Moment steht der ganze Tisch in einer weißen Wolke, die über die Tischkante läuft und langsam zu Boden sinkt. Bis sich der Rauch legt, redet niemand.

Es ist nicht das Einzige dieser Art. Es gibt den heißen schwarzen Stein, auf dem das Essen weiterbrutzelt, während man schon anfängt, und es gibt das chinesische Fondue, bei dem jeder selbst kocht. Ein Teller wird hier selten einfach nur hingestellt.
Michelles Geburtstag: chinesisches Fondue an der langen Tafel
Zu Michelles Geburtstag war ich im Wong eingeladen. Es gab chinesisches Fondue, und alle saßen zusammen an einem Tisch. In der Mitte standen Gaskocher mit Töpfen, auf silbernen Platten lagen rohe Garnelen und Lachs, daneben hauchdünn geschnittenes Rindfleisch, Hähnchen, Fischbällchen, Spinat und Salat. Auf einem Holzbrett lagen von Hand gezogene Nudeln, dazu ein kleines goldenes Sieb, mit dem man sich seine Portion aus dem Topf holt.

An diesem Abend habe ich chinesische Küche noch einmal von einer ganz anderen Seite erlebt: gemeinsam an einer langen Tafel, jeder kocht sich seine Portion selbst, und alles wird geteilt. Für mich war das eine andere, viel authentischere Seite chinesischer Küche, als ich sie bis dahin kannte.
Und einmal die Kegelbahn im Souterrain
Das ist eine andere Geburtstagsgeschichte, und sie gehört meiner Tochter. Sie hat ihren Geburtstag ebenfalls im Wong gefeiert, und dafür war die eigene Kegelbahn im Souterrain genau richtig. Essen und danach kegeln, das erwartet man von außen bei diesem Haus überhaupt nicht. Genau deshalb funktioniert es: oben essen, unten kegeln, und niemand muss zwischendurch aufbrechen.

Michelle hat auch bei uns gekocht
Das ist der Teil, den ich am wenigsten erwartet hätte. Michelle hat bei uns zu Hause in Hamburg für unsere Gäste gekocht. Sie kam mit ihren Schiefertafeln, mit Radieschen, die sie zu kleinen Blüten geschnitten hatte, mit eingelegtem Ingwer, Minze und Gurkenfächern, die sie im Kreis auf den Schieferplatten auslegte.

Und dann hat sie an unserem Grill gestanden. Unsere Gäste waren begeistert. Nicht höflich begeistert, sondern so, dass an dem Abend über nichts anderes mehr gesprochen wurde.

Wie persönlich das inzwischen geworden ist, hat sich an einem meiner Geburtstage gezeigt. Da stand Michelle plötzlich bei uns vor der Haustür. Nicht mit einem kleinen Geschenk, sondern mit einem kompletten Menü, das sie für mich vorbereitet hatte. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. So etwas vergisst man nicht.
Die Sachen, die man nicht erwartet
Es gibt im Wong ein paar Gerichte, die ich vorher nirgends so gesehen hatte. Korean Chicken mit Waffel und Walnusseis zum Beispiel. Das ist kein Nachtisch, sondern ein ganzes Gericht: herzhaft und süß auf einem Teller, und es funktioniert erstaunlich gut.

Bei den Nachtischen sind es drei, die ich immer wieder nehme. Das schwarze Sesam-Eis schmeckt geröstet und gar nicht so süß, wie es aussieht. Daneben liegt oft eine zweite, helle Kugel: Yuzu-Eis, aus der japanischen Zitrusfrucht, sauer und blumig, dazu ein Macaron. Die beiden Kugeln nebeneinander sind für mich das Bild, das ich vom Wong im Kopf habe.

Und dann ist da Pandan mit Kokos. Pandan ist ein Blatt aus Südostasien, es färbt grün und schmeckt nach Vanille und frisch gemähtem Gras. Michelle serviert es geschichtet, grün und weiß, sauber geschnitten, an anderen Abenden in Blütenform aus der Form gestürzt, jedes Stück einzeln auf einem eigenen Tellerchen.
Hongkong, Australien und ein Abend in Winterhude
Von ihren Reisen nach Hongkong und Australien und aus ihrer Familie bringt Michelle jedes Mal etwas mit. Nicht als Mitbringsel, sondern als Idee. Ein Dessert, das sie dort gegessen hat. Eine Art, Teig zu färben. Ein Gericht, das man hier so nicht kennt. Beim nächsten Besuch steht es dann plötzlich auf dem Tisch, und ich bin jedes Mal neugierig, was sie sich diesmal ausgedacht hat.
Inzwischen gehen Michelle und ich manchmal gemeinsam neue Restaurants ausprobieren. Einmal waren wir in einem chinesischen Restaurant in Winterhude. Michelle hatte die Gerichte ausgesucht, und trotzdem war ich hinterher enttäuscht. Erst durch diesen Vergleich habe ich noch einmal gemerkt, was ich am Wong besonders finde.
Wenn Sie hingehen
Restaurant Wong, Langenhorner Chaussee 131, 22415 Hamburg-Langenhorn, Telefon 040 5317260. Montag bis Freitag von 12 bis 15 Uhr und von 17 bis 22 Uhr, samstags und sonntags durchgehend von 12 bis 22 Uhr. Die warme Küche endet mittags um 14:45 Uhr und abends um 21:45 Uhr. Montag bis Samstag gibt es zwischen 12 und 15 Uhr einen Mittagstisch. Gekocht wird chinesisch, thailändisch und vietnamesisch. Alles Weitere steht auf wong-restaurant.de.
Die Kegelbahn kann man stundenweise dazubuchen, bis fünfzehn Personen, mit eigenen Hallenschuhen mit heller Sohle. Und mein Rat: Fragen Sie Michelle, was sie Ihnen empfiehlt. Dann kommt etwas an den Tisch, das nicht auf der deutschen Karte steht.
Aus der Frau mit dem schwarzen Scooter, die während Corona in mein Geschäft kam und unbedingt etwas in Roségold haben wollte, ist meine Freundin Michelle geworden. Deshalb ist das Wong für mich längst mehr als ein Restauranttipp.
Herzlich aus Hamburg
Trixi

Schreiben Sie einen Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.