Roter Abendhimmel über den Dächern von Saint-Germain-des-Prés, gesehen von unserer Dachterrasse. Foto: Corinna Gronau.
Ich fahre seit vielen Jahren nach Paris. Wegen der Architektur, wegen der Mode, wegen des Designs, wegen der Restaurants – und weil ich dort jedes Mal etwas finde, das ich vorher nicht kannte. Anfang Oktober war ich wieder dort, wegen der beiden Messen Première Classe und Tranoï. Zwei lange Tage auf den Beinen, danach ein paar Tage für uns.
Wenn ich ehrlich bin, ist es aber nicht die Stadt allein. Es sind die Menschen, zu denen wir zurückkehren. Einige von ihnen kennen wir seit über zwanzig Jahren. Sie erkennen uns wieder, bevor wir ein Wort gesagt haben. Darum geht es in diesem Beitrag.
Im Hôtel de l’Université geht die Tür auf
Wir wohnen im Hôtel de l’Université in Saint-Germain-des-Prés. Thomas, Olivier und die Hausdame kennen uns seit Jahren. Wenn wir ankommen, werden wir herzlich begrüßt, und mit der Hausdame spreche ich Französisch. Sie nimmt mich in den Arm, und sie fragt jedes Mal, wann wir wiederkommen. Das Haus selbst habe ich hier schon einmal beschrieben, an einem einzigen Tag in Saint-Germain.
Wer zum ersten Mal kommt, steht abends vor einer schwarzen Tür in einer stillen Straße und ahnt nicht, was dahinter liegt: ein roter Läufer, ein paar Sessel, ein begrünter Innenhof. Wir kennen diesen Weg inzwischen im Dunkeln – und trotzdem freue ich mich jedes Mal auf den Moment, in dem die Tür aufgeht.

Neu war in diesem Oktober die Sache mit dem Auto. Das Hotel hat inzwischen eine Vereinbarung mit der Tiefgarage Indigo Saint-Germain-des-Prés am 171 boulevard Saint-Germain, rund acht Gehminuten entfernt. Der Platz lässt sich nur zusammen mit dem Zimmer buchen, und zwar vom Anreisetag ab 13 Uhr bis zum Abreisetag um 12 Uhr; die Einfahrt ist auf 1,90 Meter Höhe begrenzt. Wer mit dem Auto kommt, fragt das am besten gleich bei der Zimmerbuchung an. Nach Auskunft des Hotels waren wir die ersten Gäste, die das genutzt haben. Thomas hat schon vorher per Nachricht gefragt, wie lange wir den Platz brauchen, und sich hinterher erkundigt, ob alles geklappt hat. Genau das meine ich, wenn ich von diesem Haus erzähle.
Mittags bei Les Antiquaires
Les Antiquaires ist unsere Adresse in Saint-Germain. Im vergangenen Jahr haben wir dort meinen 65. Geburtstag gefeiert. Über das Restaurant selbst habe ich hier schon ausführlich geschrieben, deshalb erzähle ich diesmal nur, was an diesem Mittag passiert ist.
Es war sehr voll. Gäste standen und warteten auf einen Tisch. Polo hat uns gesehen, ist auf uns zugekommen und hat mich in den Arm genommen. Kurz darauf saßen wir. Der Kellner kannte uns ebenfalls – er hat uns zum Abschied schon Desserts für den nächsten Besuch empfohlen.

Das ist für mich das Gefühl, nach Hause zu kommen.
Michel im Au Petit Bar
Michel kenne ich seit über zwanzig Jahren. Sein Au Petit Bar liegt in der Rue du Mont-Thabor 7 im ersten Arrondissement, ein paar Schritte vom Hôtel Le Meurice entfernt. Das Lokal ist klein und einfach, seit 1966 in Familienhand – und mittags essen dort auch Mitarbeiter des Meurice.
Es gibt ein Plat du jour, jeden Tag ein anderes. Wenn Michel gute Tomaten bekommt, macht er einen Tomatensalat mit Vinaigrette. Die Tarte aux fraises ist selbst gemacht. Er gibt sich viel Mühe – und er weiß längst, was ich trinken möchte, ohne dass ich etwas sagen muss.


Echte Gastfreundschaft ist keine Frage von Größe, Prestige oder Preis
Ich kenne die großen, glamourösen Häuser in Paris, und ich gehe gern hin. Die Architektur, die Ausblicke, die Atmosphäre, das Essen – das kann großartig sein. Was dort oft fehlt, ist die persönliche Nähe. Man ist ein Gast unter vielen, und man bleibt es.
Eine Ausnahme ist mir geblieben, und die Geschichte dazu fing auf dem Wasser an. Bei einer Nachtfahrt mit Ducasse sur Seine fiel mir ein Gebäude auf, das ganz oben beleuchtet war. Ich habe es mir gemerkt. Bei späteren Fahrten nach Paris habe ich im Auto immer wieder danach Ausschau gehalten, bis ich es schließlich über Google Maps gefunden habe: das SO/ Paris, und ganz oben darin das Restaurant Bonnie. Ich habe sofort einen Tisch reserviert und saß am selben Abend dort.
Das war im September, auf einer früheren Reise. Wir haben drinnen hervorragend gegessen, und unsere Kellnerin war herzlich und natürlich, ohne jede Routine. Vor dem Dessert sind wir auf die Terrasse gegangen. Es war vollkommen dunkel, der Eiffelturm stand beleuchtet über der Stadt, und vom linken Seineufer kamen Musik und Stimmen herauf – die Lebensfreude der Menschen unten am Ufer, und wir oben mittendrin.
Ich sage das nicht, um die großen Häuser kleiner zu machen. Ich gehe weiter gern hin. Nur das eine kann man dort nicht bestellen.
Echte Gastfreundschaft ist keine Frage von Größe, Prestige oder Preis.
Weißes Geschirr, das mit nach Hause kommt
In Paris gehe ich immer wieder zu Astier de Villatte. Das Geschäft ist dunkel und voll: altes Holz, Spitzenvorhänge, warmes Licht – und überall dieses weiße Geschirr, Teller auf Blattplatten, Schalen in Stapeln, Leuchter mit Ranken. Ich brauche dort jedes Mal länger, als ich vorhabe.

Das Geschirr sammle ich seit vielen Jahren. Einige Stücke sind Geschenke von Freundinnen, mit denen ich jahrelang nach Paris gefahren bin – ein Dankeschön dafür, dass ich die Reisen organisiert habe. Inzwischen sind es acht Frühstücksteller der Serie Alexandre, Schalen in verschiedenen Größen, zwei Paris Bowls, eine Vorlegeplatte und eine Vase in Form des Eiffelturms.
Ich hole das Geschirr nur heraus, wenn besondere Menschen zu Gast sind. Was ich womit kombiniere, entscheide ich nach Anlass und Menü. Dann steht Paris bei mir in Hamburg auf dem Tisch. Jedes Stück erinnert mich an eine unserer gemeinsamen Parisreisen.
Nachmittags: Musik von der Straße
Das Wetter war in diesem Oktober wunderbar. Unser Zimmer lag ganz oben im Haus, mit einer kleinen Dachterrasse davor. An einem Nachmittag, als mein Mann unten unterwegs war, nachdem er das Auto in die Garage gebracht hatte, kam von der Straße Musik herauf. Eine Trompete, mitten am Tag, zwischen den Zinkdächern. Ich habe ein paar Sekunden davon gefilmt, mehr nicht. Wer da unten gespielt hat, weiß ich bis heute nicht.
Abends auf der Dachterrasse
An einem Abend haben wir in einer Épicerie ein paar Köstlichkeiten gekauft und sie oben auf der Terrasse gegessen. Kein Restaurant, keine Reservierung, nichts Geplantes. Unter uns die Straße, über uns nichts als Himmel.

Und dann hat sich der Himmel gefärbt. Erst rosa, dann feuerrot über den Dächern von Saint-Germain, mit der Spitze des Eiffelturms darin. So einen Himmel habe ich in Paris selten gesehen. Wir haben einfach dagesessen und geschaut.
Darum komme ich wieder
Paris ist voll von Adressen, die man gesehen haben muss. Ich merke mir am Ende andere Dinge: wer die Tür aufmacht, wer auf einen zukommt, wer weiß, was man trinken möchte. Das kann man nicht buchen. Es entsteht nur, wenn man wiederkommt.
Die Adressen nenne ich gern, sie stehen alle in diesem Beitrag. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich beim nächsten Mal wieder etwas finde, das ich noch nicht kannte.

